Das Geheimnis hinter dem Spiegel
von lehrertools am 2026-02-15
In einem alten, knarrenden Schloss, das auf einem Hügel über einem verschlafenen Dorf thronte, lebte ein ziemlich ungewöhnlicher Geist. Er hieß Nepomuk – und er war vermutlich der einzige Geist der Welt mit Höhenangst.
Dabei war er schon seit 312 Jahren tot.
Das Problem begann mit einem riesigen, goldgerahmten Spiegel, der im großen Festsaal des Schlosses hing. Er war so alt, dass selbst die Spinnweben in den Ecken Patina angesetzt hatten. Wer hineinsah, sah nicht nur sein Spiegelbild – sondern manchmal auch Dinge, die eigentlich gar nicht da waren.
Zum Beispiel Nepomuk.
Eines Abends flatterte eine kleine, vorlaute Fledermaus namens Kunigunde durch ein zerbrochenes Fenster herein. Sie liebte alte Gemäuer und noch mehr liebte sie es, andere zu erschrecken.
„Buh!“, quietschte sie und hing sich kopfüber direkt vor den Spiegel.
Der Spiegel jedoch zeigte nicht Kunigunde.
Er zeigte einen sehr blassen Geist mit einer karierten Wärmflasche.
„Höhen! Viel zu hoch hier oben!“, jammerte Nepomuk aus dem Spiegel heraus.
Kunigunde blinzelte. „Du bist ein Geist. Du kannst schweben.“
„Ja, aber nur bis zur zweiten Treppenstufe. Alles darüber ist… schwindelerregend.“
Während die beiden noch diskutierten, rumpelte es vor dem Schlosstor. Eine Gruppe selbsternannter Geisterjäger stapfte herein – ausgerüstet mit Taschenlampen, Thermoskannen und einer Anleitung mit dem Titel „Geisterfangen für Fortgeschrittene“.
„Hier spukt es!“, flüsterte der Anführer dramatisch – und stolperte prompt über eine Ritterrüstung.
Nepomuk bekam Panik. „Sie wollen mich einsaugen! In so einen Staubsauger mit Spezialfilter!“
Kunigunde verdrehte die Augen. „Du bist seit drei Jahrhunderten tot und hast Angst vor einem Staubsauger?“
„Es ist ein sehr überzeugender Staubsauger!“
Die Geisterjäger betraten den Festsaal. Ihre Taschenlampen huschten über staubige Kronleuchter, zerfetzte Vorhänge – und schließlich auf den Spiegel.
Plötzlich erschien Nepomuk im Glas – aber diesmal nicht jammernd, sondern mit wehendem Umhang (den er sich schnell aus einem Vorhangrest gebastelt hatte).
Mit hohler Stimme rief er:
„Wagt es nicht, meine Ruhe zu stören!“
Zur Unterstützung flatterte Kunigunde wild im Kreis und warf dabei dramatische Schatten an die Wände.
Die Geisterjäger erstarrten.
„Hast du das gesehen?“
„Ich kündige.“
„Ich auch.“
Und ehe man „Paranormale Untersuchung“ sagen konnte, rannten sie schreiend davon – einer verlor sogar seine Thermoskanne.
Stille kehrte ein.
Nepomuk seufzte erleichtert. „Das war knapp.“
Kunigunde landete neben dem Spiegel. „Siehst du? Manchmal muss man sich seinen Ängsten stellen.“
Nepomuk nickte – zumindest versuchte er es, was bei einem halbtransparenten Kopf etwas schwierig war.
„Vielleicht“, sagte er vorsichtig, „übe ich morgen das Schweben… bis zur dritten Treppenstufe.“
Und so lebten sie weiter im alten Schloss:
ein Geist mit Höhenangst,
eine sehr mutige Fledermaus
und ein Spiegel, der manchmal mehr zeigte als nur ein Spiegelbild.
Und wenn heute jemand behauptet, im Festsaal des Schlosses ein leises Kichern zu hören – dann ist es vermutlich Kunigunde.
Oder ein sehr tapferer Geist auf der dritten Stufe.
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