Die etwas andere Walpurgisnacht

von lehrertools am 2026-02-15

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In der Walpurgisnacht, wenn der Vollmond so rund am Himmel hängt wie ein silberner Pfannkuchen, treffen sich auf dem knorrigen Rabenberg jedes Jahr die Hexen zum großen Mitternachtszauber.
So auch diesmal.
Hexe Minna Morgentau stand etwas nervös neben ihrem blitzblank geputzten Besen. Es war ihr erster offizieller Flug zur Versammlung. Ihr Besen war allerdings kein gewöhnlicher – er war ein Modell „Windbrause 3000“ mit eingebautem Turbo.
„Nur nicht zu schnell starten“, murmelte sie.
Zu spät.
Mit einem lauten „WUSCH!“ schoss Minna senkrecht in den Himmel, drehte eine unfreiwillige Pirouette um den Mond und landete schließlich – leicht rauchend – mitten auf dem Rabenberg.
Ringsum versammelten sich bereits die anderen Hexen. In der Mitte brodelte ein riesiger schwarzer Kessel, aus dem es geheimnisvoll blubberte. Grüner Dampf kringelte sich in die Nachtluft.
„Mitternacht naht!“, rief Oberhexe Gundula mit dramatischer Stimme.
Alle Hexen schauten auf die Turmuhr der nahen Burgruine.
Noch eine Minute bis Mitternacht.
Minna trat vorsichtig näher.
„Was brauen wir eigentlich?“ flüsterte sie.
„Den traditionellen Unsichtbarkeitszauber“, erklärte eine ältere Hexe mit funkelnden Augen. „Sehr praktisch, wenn man mal unauffällig einkaufen möchte.“
Der Vollmond stand nun genau über dem Berg.
„Drei… zwei… eins…!“
Mitternacht!
Alle Hexen warfen gleichzeitig ihre geheimen Zutaten in den Kessel. Es zischte, knallte, funkelte – und dann…
…passierte nichts.
Stille.
Der Kessel blubberte beleidigt.
„Wer hat was hineingeworfen?“ fragte Gundula streng.
„Fledermaushaar!“
„Nachtnebel!“
„Ein bisschen Sternenstaub!“
Minna hob schüchtern die Hand.
„Ähm… ich glaube, ich habe Zucker genommen statt Spinnenpulver.“
Alle starrten sie an.
Plötzlich begann der Kessel fröhlich zu sprudeln. Der grüne Dampf verwandelte sich in rosa Glitzerwolken. Aus dem Inneren stieg – statt Unsichtbarkeit – ein warmer Duft nach Erdbeerkuchen auf.
Die Hexen sahen einander an.
Dann fing eine an zu lachen.
Dann die nächste.
Schließlich prustete der ganze Hexenzirkel los.
„Nun gut“, sagte Gundula schmunzelnd. „Dieses Jahr gibt es eben keinen Unsichtbarkeitszauber. Dafür… Nacht-Picknick!“
Und so saßen die Hexen unter dem strahlenden Vollmond, rührten mit ihren Besenstielen im süß duftenden Kessel und löffelten lachend den ersten magischen Erdbeerpudding der Geschichte.
Minna lächelte erleichtert.
Vielleicht war ihre erste Walpurgisnacht nicht perfekt gewesen.
Aber sie war unvergesslich.
Und irgendwo hoch oben am Himmel schien der Vollmond ein kleines bisschen heller –
als würde er heimlich mitlachen. 
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